Veröffentlicht: 23.06.2026
Die Klassifikationsgesellschaft DNV, Anbieter von akkreditierten Managementsystem-Zertifizierungen, hat mit der Richtlinie DNV-RP-0698 erstmals einen standardisierten Rahmen zur Messung und Überprüfung der Leistungsfähigkeit von Systemen zur Kohlenstoffabscheidung und -speicherung an Bord von Schiffen (Onboard Carbon Capture and Storage, OCCS) veröffentlicht. Die Empfehlung soll der Schifffahrtsbranche eine verlässliche technische Grundlage für den Einsatz dieser Technologie bieten und deren Markteinführung beschleunigen.
Die Veröffentlichung erfolgt zu einem Zeitpunkt, an dem die maritime Wirtschaft nach kurzfristig umsetzbaren Lösungen zur Verringerung ihrer Treibhausgasemissionen sucht. Da rund 90 Prozent der weltweit betriebenen Schiffe weiterhin mit konventionellen fossilen Brennstoffen fahren, gilt die CO₂-Abscheidung an Bord zunehmend als wichtige Übergangstechnologie. Sie ermöglicht Emissionsminderungen insbesondere bei bestehenden Schiffen, die sich nur schwer oder mit hohen Kosten auf alternative, klimafreundlichere Kraftstoffe umrüsten lassen.
Parallel dazu arbeitet die International Maritime Organization an offiziellen internationalen Richtlinien für OCCS-Systeme, deren Fertigstellung bis 2028 vorgesehen ist. Die neue DNV-Empfehlung kann daher als Vorarbeit für künftige globale Standards betrachtet werden.
Das Regelwerk basiert auf dem Prinzip der Massenbilanz und definiert einheitliche Leistungskennzahlen. Dazu zählen unter anderem die absolute Menge des abgeschiedenen CO₂, die spezifische Abscheidungsleistung, die verbleibenden Emissionen sowie die Bruttoabscheidungseffizienz. Der Ansatz ist technologieneutral und berücksichtigt verschiedene Verfahren wie Vorverbrennungs-, Nachverbrennungs- und Oxy-Fuel-Technologien ebenso wie alternative Systemarchitekturen.
Um Transparenz und Vertrauen zu schaffen, sieht die Richtlinie zudem eine unabhängige Überprüfung durch Dritte vor. Diese umfasst die Dokumentation der Systeme, die Bewertung der Messtechnik, die Berechnung der Leistungsdaten sowie eine Analyse möglicher Messunsicherheiten.
Nach Ansicht von DNV schafft die Standardisierung eine gemeinsame Fachsprache für Hersteller, Werften, Reeder und Investoren. Dadurch sollen Risiken bei Planung und Finanzierung neuer Projekte reduziert werden. Die Richtlinie ermögliche eine objektive Bewertung der tatsächlichen Emissionsminderung und unterstützt fundierte Entscheidungen sowohl bei Neubauten als auch bei der Nachrüstung bestehender Schiffe. Damit könnte OCCS zu einem wichtigen Baustein der Dekarbonisierung des weltweiten Schiffsverkehrs werden.MBI/sir/23.6.2026