Veröffentlicht: 22.06.2026
Die Verbände CMA Circular Metal Association (ehemals BDSV & VDM) und bvse-Recycling Germany sprechen sich gegenüber der Europäischen Kommission für ein glaubwürdiges europäisches Green-Steel-Label aus. Dieses müsse tatsächliche Klimavorteile sichtbar machen, die Kreislaufwirtschaft stärken und Kunden, Investoren sowie der öffentlichen Beschaffung eine verlässliche Orientierung bieten, heißt es in einer gemeinsamen Mitteilung. Zugleich warnen die Verbände vor der Einführung einer sogenannten "Sliding Scale" als Grundlage für die Definition von grünem Stahl. Nach Auffassung von CMA und bvse sollte ein Green-Steel-Label auf einem einfachen Grundsatz beruhen: Grüner Stahl muss Stahl mit niedrigen, nachvollziehbaren und überprüfbaren Emissionen sein. Entscheidend sei der tatsächliche Product Carbon Footprint (PCF) eines Produkts – nicht die Produktionsroute oder der Transformationsaufwand einzelner Anlagen.
Kritisch sehen die Verbände deshalb den diskutierten Sliding-Scale-Ansatz. Dieser passe die Emissionsgrenzwerte an den Anteil des eingesetzten Stahlschrotts an. Je höher der Recyclinganteil, desto strenger die Anforderungen. Produktionsrouten mit geringerem Einsatz von Sekundärrohstoffen erhielten dagegen großzügigere Schwellenwerte. Dadurch könnten Produkte mit höheren tatsächlichen Emissionen eine günstige "grüne" Einstufung erhalten, während emissionsärmere recyclingbasierte Produktionswege strengeren Anforderungen unterliegen. "Ein Green-Steel-Label darf nicht dazu führen, dass höhere Emissionen methodisch schöngerechnet werden. Wer grünen Stahl definieren will, muss tatsächliche Umweltleistung messen – nicht historische Produktionsstrukturen schützen", erklären die Verbände.Nach Ansicht von CMA und bvse benachteiligt die Sliding Scale insbesondere zirkuläre Produktionswege. Der Einsatz von recyceltem Stahl sei eine der wirksamsten und am weitesten entwickelten Möglichkeiten, Emissionen in der Stahlproduktion zu senken. Eine Methodik, die diesen Vorteil rechnerisch abschwäche oder mit strengeren Anforderungen verknüpfe, sende das falsche Signal an Markt und Politik.
Besonders kritisch bewerten die Verbände die möglichen Auswirkungen auf Leitmärkte und die öffentliche Beschaffung. Wenn Produkte mit deutlich unterschiedlichen CO2-Fußabdrücken in vergleichbare Leistungsklassen eingeordnet würden, verliere das Label seine Orientierungsfunktion. Öffentliche Mittel könnten dann in Produkte fließen, die lediglich aufgrund methodischer Anpassungen als "grün" erscheinen. Dies berge ein erhebliches Greenwashing-Risiko.Stattdessen unterstützen CMA und bvse den auf dem Product Carbon Footprint basierenden Ansatz im Rahmen der europäischen Ökodesign-Verordnung für nachhaltige Produkte. Die vom Joint Research Centre (JRC) der Europäischen Kommission entwickelte Methodik setze richtigerweise auf vergleichbare Umweltleistungsklassen, so die Verbände. Diese Grundlage sollte aus ihrer Sicht beibehalten und weiterentwickelt werden, damit das Label tatsächliche Dekarbonisierung fördert.Zudem warnen die Verbände davor, die Green-Steel-Debatte mit Forderungen nach Exportbeschränkungen für Stahlschrott zu verknüpfen. Recycelter Stahl sei ein international gefragter Rohstoff für emissionsärmere Produktionsprozesse. Handelsbeschränkungen könnten Märkte verzerren und Investitionen in die Aufbereitung von Sekundärrohstoffen erschweren. CMA und bvse fordern die europäischen Entscheidungsträger daher auf, Sliding-Scale-basierte Ansätze von der Green-Steel-Definition sowie aus öffentlichen Beschaffungsprogrammen und Förderinstrumenten auszuschließen. Das Fazit der Verbände: Die Sliding Scale sollte nicht nachgebessert, sondern verworfen werden.MBI/gil/22.6.2026