Veröffentlicht: 17.06.2026
Die anstehende Sitzung der US-Notenbank markiert den Auftakt für eine Neuausrichtung unter dem neuen Fed-Chef Kevin Warsh. Es wird erwartet, dass die Fed die Zinsen am Mittwoch (20.00 Uhr MESZ) in der aktuellen Spanne von 3,50 bis 3,75 Prozent belässt. Eine vorschnelle Zinssenkung gilt als unwahrscheinlich. Erste Fed-Mitglieder plädieren angesichts der auf knapp 4 Prozent gestiegenen Inflation bereits für Zinserhöhungen; und der anhaltende Ölpreisschock durch den Nahostkonflikt, höhere Zölle sowie Kostensteigerungen beim KI-Ausbau dürften die Preise weiter antreiben.
Längerfristig deutet sich unter Warsh ein fundamentaler Kurswechsel an. Als Monetarist dürfte er die Fed auf einen regelgebundenen Ansatz einschwören, die Bilanzsumme reduzieren und auf eine aktive Feinsteuerung der Märkte verzichten. Mögliche Produktivitätsgewinne durch KI dienen ihm vorerst wohl nur als Argument gegen weitere Zinserhöhungen, was für die Kapitalmärkte einen schmerzhaften Gewöhnungsprozess bedeuten könnte.
Die Skepsis gegenüber der bisherigen geldpolitischen Praxis ist bei Warsh fundamentaler Natur. Als selbsterklärter Schüler Milton Friedmans betrachtet er Inflation als rein monetäres Phänomen, das durch eine übermäßige Geldmengenausweitung befeuert wird. In der Konsequenz bedeutet dies eine scharfe Abkehr von der Ära seiner Vorgänger Ben Bernanke, Janet Yellen und Jerome Powell.
Insbesondere das sogenannte Quantitative Easing und die damit einhergehende Vermischung von Geld- und Finanzpolitik dürften der Vergangenheit angehören. Marktteilnehmer müssen sich darauf einstellen, dass die US-Notenbank künftig auf die gewohnte Forward Guidance verzichtet und stattdessen eine maximale Freiheit von Sitzung zu Sitzung anstrebt. Kurze Pressekonferenzen und ein bewusstes Herunterspielen oder gar das Ausbleiben eigener geldpolitischer Projektionen im Juni könnten diesen neuen, weniger signalgesteuerten Kommunikationsstil untermauern.
Warsh strebt eine deutliche Reduzierung der Fed-Bilanz an, da er eine kleinere Bilanz als wirksames Mittel sieht, um den mittelfristigen Inflationsdruck zu senken und langfristig wieder Spielraum für Zinssenkungen zu schaffen. Allerdings bewegt sich der neue Fed-Chef hier auf einem schmalen Grat: Bereits im vergangenen Herbst stießen die Liquiditätsreserven der Geschäftsbanken auf ein kritisches Niveau, und Engpässe am Repo-Markt zwangen die Fed zu Anpassungen. Die tatsächlichen Knappheiten am Geldmarkt könnten Warshs ambitionierten Plänen zur Bilanzverkürzung somit enge Grenzen setzen.
Für die Finanzmärkte bricht damit eine ungemütliche Phase an. Der Abschied von der Forward Guidance und ein forcierter Bilanzabbau bergen das Risiko, dass die Renditen bei US-Staatsanleihen steigen, was die Zinskurve steiler werden lässt und die Rentenmärkte belastet. Für Aktieninvestoren wiegt jedoch der drohende Verlust des sogenannten "Fed-Puts" am schwersten. Über zwei Jahrzehnte hinweg konnten sich Marktteilnehmer darauf verlassen, dass die Notenbank bei größeren Kurseinbrüchen mit Liquiditätsschonern bereitsteht. Sollte Warsh diese implizite Absicherung im Zuge seiner Abkehr von der Marktfeinsteuerung aufgeben, droht den Kapitalmärkten ein schmerzhafter Entzugsprozess mit erhöhter Volatilität.MBI/DJN/ssc/17.6.2026